Cotswold Way | Tag 6 — Ultimo!

CIMG0174Wir schlafen offenbar sehr tief. Über der Gegend entlädt sich ein Gewitter von seltener Stärke, sogar für britische Verhältnisse — himmlisches Feuerwerk zur Feier der Verlängerung der Union, die Schotten haben einigermaßen deutlich gegen die Abspaltung gestimmt. Grund für den tiefen Schlaf mag einerseits die zunehmende Erschöpfung sein, andererseits blieben wir gestern länger als sonst auf (und am Bier): Quiz Night im Hotel. Wir laufen hors concours, aber starten fulminant: Die erste Frage «Welche Art Essen ist Pumpernickel?» beantwortet R, indem er «BREAD!» in den Saal brüllt. In englischen Pub Quizes schreibt man aber die Antwort auf ein Blatt, welches dann vom Quizmaster (manchmal von den Spielern selber) korrigiert wird. Man brüllt keinesfalls «BREAD!». Dann typisch englisch: Niemand macht Ts-ts, alle lachen herzhaft, kommt ja sicher nicht wieder vor. Englische Toleranz vom Feinsten. Jetzt, am Morgen, verzichten wir auf das Full English Breakfast, dafür Frühstart: 8.54 Uhr. Zuerst gut eine Meile zurück zum Weg, wieder etwas Ärger ob der Wahl der Unterkünfte. Die Luft ist noch nass von der Nacht, aber Regen ist das nicht. Der Taximann am Telefon meinte noch, wir würden sicher nicht nach Bath wandern, es gieße wie aus Eimern bei ihnen. Wir werden den ganzen Tag verschont. Zunächst noch Gespräch über die Möglichkeit, abzubrechen, zumal,wir ja schon vor dem Start heute die geplanten 102.5 Meilen in den Beinen haben — der Weg führt an der heutigen Unterkunft vorbei und dann aber noch zehn Meilen weiter nach Bath, ein blödes Arrangement! Nach zwei Stunden Gehen, meist in nassem Gras, Entschluss meinerseits: Ich will dieses Ding trotzdem ganz zu Ende bringen. R scheint etwas weniger entschlossen, Übereinkunft, bis Cold Ashton (Ort der Unterkunft) zu gehen und dann zu entscheiden. Nach Tormarton überholen uns die englischen Jungs, jetzt nur zu dritt, einer musste aufgeben, Taxi ins Spital von Bath, etwas mit dem Schienbein. Austausch über Unterkunft letzte Nacht, sie wollten campieren, entschieden zum Glück dagegen, dann Unglaube, dass ich vom Gewitter nichts mitbekam. Kurz darauf folgen wir ihnen durch eine Pferdeweide in die Sackgasse, «Sorry about that.» Zurück auf dem richtigen Pfad überholen sie wieder, kaum sind sie vor uns Aufregung, der Vorderste springt über ein Hindernis auf dem Weg, ich sehe spät: Ein toter Dachs, die Augen offen. Immer wieder geht es steil bergan, einmal lange flach einem Feld entlang, der geizige Bauer hat einen Teil des Weges am Feldrand weggepflügt, lehmschwer klumpt Boden an den Schuhen, das Gehen wird zäh. Fluchen über Bauern, dann ein Wegstück Teer, Gelegenheit, etwas Zeit gutzumachen, dann wieder Feldrand. In Cold Ashton holen wir die Engländer wieder ein, es ist ihre Mittagsrast, Gespräch über Distanzen und die Abstimmung in Schottland. Ich will wissen, wer überhaupt stimmen durfte, es gibt ja keine schottischen Pässe: Alle in Schottland eingetragenen britischen Einwohner, also auch Engländer, wie der Bruder von einem der drei! Blick auf die Karte, auf die Uhr immer wieder, auch Sorge um das Taxi — heute also definitiv nicht mehr Zen-Wandern, der Weg ist längst nicht mehr das Ziel, das Ziel heisst Bath Abbey. Dennoch gemütliches Mittagsmahl auf einer riesigen Holzbank bei einer wohl alternativen Gärtnerei. Die Engländer ziehen wieder an uns vorbei, kein weiterer Wortwechsel, wir werden sie wohl nie mehr sehen. Intensives Kartenstudium immer wieder führt zum Plan, nicht mehr jeden Umweg zu noch einem Aussichtspunkt mitzumachen, die Aussicht verschwindet im Nebel und die Lust an der Aussicht verschwindet im Stalldrang. Bald kommt neue Freude auf, Orientierungslauf quasi, noch spannender gemacht durch den zu grossen Kartenmaßstab 1:50’000, ich stelle mich der Herausforderung und mein Orientierungssinn ist offenbar doch nicht ganz inexistent: Ein paar Triumphe, der erste allerdings erst nachdem wir das Schlachtfeld von Landsdown (1643, die beiden Anführer waren Jugendfreunde, sensationeller, bewegender Brief am Vorabend der Schlacht von Waller an seinen royalistischen Gegner) zweimal besichtigen. Oben, beim Suchen des Einstiegs in die erste Abkürzung, hässliche Engländer, roh, kurzgeschoren, einer wirft einen Kuhfladen an das eigene Auto, der Fahrer sagt nichts, denn alle drei haben uns entdeckt, ich meine zu erkennen, dass hier Streit möglich wäre. Ich schaue zu Boden und gehe weiter. Es sollen nicht die letzten Rohlinge sein für heute. Danach gutes Tempo, eine Abkürzung führt über eine Golfplatz und die Pferderennbahn von Bath, auch das ist England: Man darf! Dann doch wieder Aussichtspunkte, Bilder von mehr Schafen im Nebel. Einmal kurz vor uns doch noch allerletzte Sicht auf die drei Engländer, Stunden nach dem letzten Treffen — wir haben offenbar wirklich gut abgekürzt. Den Schluss in Bath machen wir nach Vorgabe und mit Karte und App. Vorbeilauf am Royal Crescent, sowieso Eindruck einer Stadt, in der man gerne noch einen Abend verbracht hätte, eben, blödes Arrangement. Es ist noch mit Karten-App schwierig, durch die Stadt zu finden, der Weg ist kaum mehr ausgeschildert und bei der Abtei finden wir den offiziellen Schlusspunkt gar nicht. Es ist mir egal: Geschafft, Umarmung mit R, Hand an die Kirche, dann Suche nach Pub für ein Bier. Wir finden (per App) das Volunteer Rifles Arms (oder ähnlich), ein absolutes Dreckloch, der Barman beleidigt uns (Schweizer gleich Kriegsverweigerer) beim Abzapfen, wir verpassen den Moment, abzubrechen und trinken schnell unser Bier. Nachher Ideen: Das Bier dummerweise am Thresen umkippen und gehen. Das Bier zurückstellen und fragen, wie es komme, dass bei Isis keine Schweizer, aber einige Briten rumterrorisieren. R hat Recht: Das ist es nicht wert. Englische Ignoranz vom Schlimmsten. Per App finde ich den Ort, wo das Taxi warten wird, gut und früh, finde auch das schöne Pub The Huntsman, hier schmeckt uns ein zweites Bier richtig gut, auch wenn wir zu müde sind, um richtig Feierlichkeit aufkommen zu lassen. Der Taxifahrer ist nett, schwatzt viel in lokalem Akzent, die Rs rollen besser als der Vorabendverkehr. Zu Abend essen wir bei Sarah in der Folly End Farm, sie hat für uns zwei aufgesperrt, Pubs hat die Gegend von Cold Ashton keine mehr. Wir gesprächeln mit dieser spannenden Frau, so gut wir noch können, schnappen einiges auf: sechs Kinder, sieben Enkel (Sarah ist kaum älter als wir), jetzt quasi noch einmal Großmutter, die Rumänin, die bei ihr auf dem Land wohnt, hat vor zwei Monaten ihr erstes Kind gekriegt und es – nach ihr – Sarah genannt. Unsere Sarah kocht gutes Hühnercurry, die eigenen 200 Hühner werden aber nicht eingespiesen, einmal hat sie sechs Gänse angeschafft, um sie zu Mästen und der Verwandtschaft zu Weihnacht zu schenken, die Gänse, nun deutlich älter, leben immer noch. Wir behelligen Sarah bis kurz nach acht, dann fährt sie uns zurück zum Bed and Breakfast, wobei wir das Breakfast nicht kennen lernen werden, das Taxi zum Bahnhof in Bath ist auf 7.15 Uhr bestellt. Heimflug mit EasyJet, wir haben sechs Tage lang Vieh gesehen, nun werden wir selber zu Vieh, modernes Billigfliegen, wir erdulden es mit der Gesinnung, die uns sechsmal durch die letzte Stunde getragen hat, Haupt runter, weiter gehen wenns wieder geht. Ab und zu etwas muhen. IMG_7705 IMG_7675 IMG_7674 IMG_7671

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