Cotswold Way | Tag 5

Am Frühstückstisch im großen Saal dieses Herrenhauses, welches deutlich älter wirkt, als es ist (1907) Kanadier, diesmal aus Toronto. Ich erkenne die «ou»-Aussprache erst, nachdem ich gefragt habe, wo in Amerika sie wohnen. «Toronto in America», lächelt der Mann. Er hält mich sofort für einen Südafrikaner, was mich freut, nach all diesen Jahren kommt es immer zurück, wenns mir sprachlich wieder wohl ist im Englischen. Der mann — wir verpassen leider den Moment, Namen auszutauschen, hat schon viele Walks in den Beinen, allein dreimal den Coast to Coast mit je 200 Meilen. Jetzt aber schmerzt das Knie, man hat gestern per Taxi abgekürzt und lässt sich heute bis zum anderen Ende des Hügels fahren, bei dessen Umgehung wir uns gestern so vertaten. Wir starten quasi mit Verspätung, es ist 9.06 als wir den Gärtner grüßen und durch die Tore in den kühlen Morgen treten. Auf dem Golfplatz ist schon Betrieb, eine Dame unterbricht das (beeindruckende) Spiel ihrer Freundin, um uns von ihrem Coldwold Way Erlebnis zu berichten, wir müssen unbedingt an einem bestimmten Ort in Bath High Tea nehmen. Ihre Anekdote ist, dass Freundinnen sie bei ihrer Ankunft in Bath nach 102 Meilen erwarteten und dorthin einluden, dass sie dann aber in eine Ecke gesetzt wurden aufgrund der Wanderkleider. Ich denke nicht, dass das der Ort ist, wo R und ich den Abschluss feiern werden und vergesse den Namen des Ortes sofort wieder. Wenig später das Tyndale Monument, wir trennen uns, R zieht weiter, ich erklimme 121 Stufen zur Aussicht, die der Dunst nicht allzu großartig erscheinen lässt, dennoch, der Frühsport ist willkommen. Ich lerne, dass William Tyndale die Bibel als Erster ins Englische übersetzte — offenbar auch in Martin Luthers Obhut und zu einem hohen Preis: Tod durch Erwürgen, dann (!) am Pfahle verbrannt. Gedanken an Isis, die Irren, welche in Australien köpfen wollen. Später mehr Gedanken dazu: Im Kampf mit diesem Biest (Isis, die Ideologie dahinter, der Kampf gegen die Aufklärung) wird es für uns (wer sind «wir»?) vor allem darum gehen, nicht selber zu Biestern zu werden. Wir können nicht gut die Aufklärung verteidigen, indem wir selber hinter die Aufklärung zurück gehen, gleichzeitig hätte man ja schon gerne Höchststrafen für die, die sich zu Monstern entwickelt haben. Zitat des Vaters: «Entsorgen!» Meinung: Der Staatsanwalt in Australien sollte auf Hochverrat setzen, das ist es nämlich. Gespräch dann darüber mit R, den ich rasch wieder einhole, was mich stolz macht. Wir teilen die Befürchtung, dass «sie», wenn sie erstmals im Westen zuschlagen, irgend einem armen Clochard, oder, schlimmer, Schulmädchen, den Kopf abschneiden. Wieder etwas weiter voran gehend Rede an ein Parlament, Name der Rede: «They don’t care», wir dürfen nicht zulassen, dass uns die Biester zu Biestern machen. Mir gefällt die Rede, ich schmunzle bei dem Gedanken, dass die Welt sie nicht hören wird (und wohl auch nicht zu hören braucht). Wotton-under-Edge nach zwei Stunden, der letzte Ort mit Läden, hat man uns gesagt. Gefühl, sehr gut unterwegs zu sein heute. R kauft in der Apotheke Voltarol für das Knie, ich photographiere im Co-op alle Zeitungen (heute stimmt Schottland ab, die britischen Blätter geben Vollgas für die Einheit), ich kaufe auch Postkarten, endlich. Die Dame im Bookshop ist betont uninteressiert-unfreundlich, ich bin fast froh: Die Cotswolds sind also nicht nur ein Puppenheim, es gibt hier Leute, die einen schlechten Donnerstagmorgen haben, wie anderswo auch. Der Weg aus Wotton führt einem Bach entlang, wie ich sie nur in England gesehen habe, flach und glasklar, lehmiger Boden lässt keine Tiefe zu. Nach vier Stunden, wieder um eins, Lunch hinter einer Schafweide, Schafe klettern auf Eichen, man staunt einmal mehr, was man alles nicht weiss. Sicht auf Englands ganze Lieblichkeit, auch R kommentiert diese, Gedanken daran, wie ein volk aus einem solchen Land so kriegerisch sein kann. Erinnerung: Früher im Imperial War Museum in London ein Schild, welches die Jahre auflistet, in denen seit dem zweiten Weltkrieg Briten auf fremden Schlachtfeldern («in foreign theatres of war» hiess es, wie ich meine) starben. Es fehlte kein einziges Jahr, wie ich meine. Kurz nach Lunch mache ich einen schnellen Kilometer, bald Anruf von Remo, aber nicht genügend Netz. Ich kehre um, treffe auf die netten Leute, die wir eben noch praktisch zusammen grüßten. Die Dame fragt, ob wir zusammen sind, der Mann sei links hoch, weg vom Weg. «He’s my brother-in-law.», sage ich, klar sind wir zusammen. Ich gehe zurück, bald ist ein frohes Wiedersehen, der Verlust einer Viertelstunde schmerzt nicht, wir sind richtig gut unterwegs. Hawkesbury Upton liegt über Hawkesbury — heisst Upton «up town»? Kein Netz, das zu überprüfen. Dann eine lange Straße über Felder, vor uns zwei Frauen mit drei Kindern, alle auf Rädern, wir holen sie ein, als sie Rast machen. Regen droht, sprüht, zieht weiter, bald darauf wieder Sonne auf Feldern mit riesigen zylinderförmigen Strohballen, einmal dazwischen sicher fünfzig Fasane. R meint, die kommen dran in einem Monat. Jemand hat uns erzählt, dass ein Farmer 30’000 dieser Vögel züchtet, um sie dann zur Jagd auszusetzten — Aquarium-Land, kommt mir in den Sinn. Dann nach Highfield Farm ein Mann mit zwei Hunden, sie seien freundlich, versichert er mich. Ich antworte:«They certainly seem eager.», der Mann hält inne, schaut mich an, dann Blick auf mein Käppi (SA Rugby). Er sagt: «You ARE a long way from home.» Ich sage, ich sei nicht Südafrikaner, Schweizer sei ich. Stolz einmal mehr, dann Tipp des Mannes, wie wir die kommende Steilpassage am besten bewältigen sollen, «if you fall, land on your bottom». Zu R: «Just follow that gentleman.» Später noch ein blöder Umweg, die Karte zwingt uns zur Ansicht eines weiteren neolithischen Forts, dieses ist so schafbesiedelt, dass Gang auf Gras ohne Exkrement nicht möglich ist. Mehrwert klein, Preis von 40 Höhenmetern rauf und gleich viel wieder runter nach sieben Stunden etwas hoch. Der Clou dann im Zielort Old Sodbury: Das preisgekrönte Hotel liegt über eine Meile ab vom Pfad, ohne, dass man uns das in irgend einer Weise mitgeteilt hätte. Diese Extrameile wird morgen der Einstieg in die Schlussetappe sein. Dennoch: Mir lief kein Tag besser als heute, etwas schade, dass ich so spät gemerkt habe, dass die Schuhe meines Schwiegervaters mit EINER Socke besser funktionieren.

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